Vielleicht stimmt das Sprichwort bei Löffeln nicht? Oder doch? - "Nicht aus jedem Holz kann man Pfeifen schneiden"
Mittelalterliche und
frühneuzeitliche Löffelfunde in Deutschland
- die verwendeten Holzarten -
Aufsatz
von Andy Betz
(mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung durch DeTimmermansche)
Unter dem Motto "Das richtige Holz für den Löffel" habe ich mich im November 2010 eingehender damit befasst welche Holzarten im Mittelalter zur Herstellung von Löffeln verwendet wurden. Zur Recherche dienten mir v.a. einige Fachpublikationen, welche ich im Folgenden auch benannt habe. Der Folgende Aufsatz ist nur ein kleiner Ausschnitt über das "Themengebiet Löffel", und befasst sich in erster Linie mit den Holzarten. Auf Punkte wie unterschiedliche Löffelarten, deren Form, Verarbeitung, etc. möchte ich hier nicht, oder nur am Rande eingehen. Da ich nun selbst schon seit einiger Zeit Löffel schnitze, bei denen ich mich an Grabungsfunden orientiere, ist es für mich essentiell auch die damals verwendeten Holzsorten zu verwenden. Bislang verwendete ich größtenteils Ahorn, möchte aber künftig auch gerne auf andere gebräuchliche Holzarten zurückgreifen, um mein Repertoire zu vergrößern. Durch meine Recherche entstand eine zunehmende Anzahl an Notizen, die ich schließlich zu diesem kleinen Aufsatz zusammenfasste, um meine Erkenntnisse auch an andere Interessierte weitergeben zu können. Sie finden hier also eine Aufzählung einiger bedeutender Fundorte von Holzgegenständen in Deutschland, bei denen auch eine größere Anzahl von Löffeln ergraben wurde. Aus welchen Hölzern diese geschnitzt wurden (und Einiges mehr) erfahren Sie im Folgenden...
Die Ausgrabungen in Schleswig
Über
Schleswig
Schleswig
ist eine Stadt im Norden Schleswig-Holsteins, und liegt an der Schlei. Daher
auch der Name, welcher aus dem Altnordischen stammt, und so viel wie "Bucht oder Hafen der Schlei"
bedeutet. Urkundlich wurde Schleswig erstmal im Jahre 804 als "Sliasthorp" erwähnt. Heute
zählt die Stadt etwa 24.000 Einwohner.
Die
Grabungen
Bei
umfangreichen Grabungen Mitte der 1980er Jahre wurden u.a. viele
Holzgegenstände, darunter eine große Anzahl an Löffel, Löffelspatel, und
Schöpfkellen ergraben. Die Grabungen in der Schleswiger Altstand fanden am
"Schild" und an der Plessenstraße statt. Die Datierung sämtlicher
Holzfunde in Schleswig (also nicht nur der Löffel) gliedert sich wie folgt:
19,6% wurden auf das 11. Jh. datiert, 28 % auf das 12. Jh., 31.7% stammen aus
der Zeit zwischen 1200 und 1280, und weitere 20,7% wurden auf die Zeit nach
1280 datiert.
Insgesamt
wurden in Schleswig 62 Löffel gefunden. 47 Stück wurden bei der Grabung am Schild,
und 15 Stück an der Plessenstraße zu Tage gefördert. Es wurden sowohl Eßlöffel,
als auch größere Löffel, die wohl zum Kochen oder Abschöpfen verwendet wurden,
ergaben. Bei 49 Löffeln konnte die Holzart noch bestimmt werden. Am häufigsten
ist Ahorn mit 19 Exemplaren vertreten. Aus Holunderholz wurden elf Löffel
gefertigt, während Obstbaum mit 6 Löffeln, Eibenholz mit 4 Löffeln, und Tanne
(welches importiert werden musste) noch mit 3 Löffeln vertreten ist. Erle,
Esche, Buchsbaum, Hainbuche, Kiefer und Pfaffenhütchen sind je einmal
vertreten.
Besonderheiten
Die
Schleswiger Löffel sind durch alle Jahrhunderte hindurch sehr schlicht
gehalten, und weisen keine oder kaum Verzierungen auf. Ein Exemplar, datiert
auf die Wende zum 13. Jh. bildet hier die Ausnahme. Der Stiel stellt einen
Drachen dar. Trotz Beschädigung sind Kopf, Körper und Beine deutlich zu
erkennen. Einer der Esslöffel macht deutlich, daß auch beschädigte Löffel
weiterverwendet wurden, da ein Fund am Stiel abgebrochen war, und sekundäre
Schnitzspuren aufwies. Er wurde also ausgebessert, und weiterverwendet. Drei
der insgesamt 62 gefundenen Löffel wurden im Übrigen nie fertiggestellt. Sie
sind uns als Rohlinge erhalten geblieben.
Quelle
und weiterführende Literatur
Ausgrabungen
in Schleswig - Berichte und Studien 17, Holzfunde aus dem mittelalterlichen
Schleswig, von Volker Vogel, Wachholtz Verlag, Neumünster 2006, ISBN
3-529-01467-2
Die Ausgrabungen in Freiberg
Über
Freiberg
Freiberg
liegt in der Mitte des Bundeslandes Sachsen, zwischen Dresden und Chemnitz. Die
Stadt entstand etwa um 1165/70, und war eng mit dem Bergbau verwurzelt. Im
Hochmittelalter war Freiberg die größte Stadt der Mark Meißen, wichtiger
Handelsstandort, und bedeutende Münzstätte. Heute hat Freiberg etwa 41.700
Einwohner.
Die
Grabungen
In
Freiberg wurden etwa 500 Holzgegenstände ergraben. Sie stammen aus diversen
Grabungsbereichen der Altstadt, wie Obermarkt, Enge Gasse, Borngasse,
Berggasse, und Pfarrgasse. Datiert wurden die Funde auf die Zeit vom 13.
Jahrhundert bis in die Neuzeit.
Freigelegt
wurden an den verschiedenen Grabungsorten (hauptsächlich Gruben) insgesamt 16
Löffel. Zum Einen Löffel mit langstieliger Form, und einfacher gerundeter,
breit ausgearbeiteter teils dickwandiger Laffe. Zum Anderen (und weitaus
häufiger) kurzstielige Eßlöffel. Die langstieligen Löffel (insgesamt ca. 30cm
lang) wurden aus Ahorn, Eiche, und Wacholder hergestellt. Bei den kurzstieligen
Löffeln dominiert allen voran Ahornholz. Insgesamt wurden verwendet: 11 x
Ahorn, 2x Buchsbaum, je 1x Wacholder, Eiche und Tanne.
Besonderheiten
In der verwendeten Publikation wird mehrmals
erwähnt, daß Vieles für die Löffelherstellung durch spezialisierte Handwerker
spricht. Es ist von "Löffelschneidern"
die Rede, von einer sehr einheitlichen Bemaßung der Löffel, von "solider
Handwerksarbeit", und "fein geglätteten Löffeln". Es wird
ebenfalls erwähnt, daß in Jihlava (Iglau, Tschechien) "Löffler" für das 13./14. Jahrhundert historisch bezeugt
sind.
Quelle
und weiterführende Literatur
Stadtarchäologie
in Freiberg - Holzfunde, von Arndt Gühne, Veröffentlichungen des Landesmuseums
für Vorgeschichte Dresden, Band 22, Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin
1991, ISBN 3-326-00644-6
Die Ausgrabungen in Dresden
Über
Dresden
Dresden ist die Landeshauptstadt von Sachsen,
und zählt etwa 518.000 Einwohner. Urkundlich erwähnt wurde Dresden erstmals
1206, archäologische Spuren auf dem späteren Stadtgebiet deuten aber auf eine
Besiedelung bereits in der Steinzeit hin.
Die
Grabungen
In
der Publikation über die Freiberger Holzfunde wird u.a. auch auf Funde in
Dresden eingegangen. Bei Grabungen in der Töpfergasse und Münzgasse wurden 6
Löffel und Löffelreste aus dem 14. und 16./17. Jahrhundert zu Tage gefördert.
Das verwendete Holz war in vier Fällen Ahorn. Je einmal wurden Buchsbaum und
Eibe verwendet.
Quelle
und weiterführende Literatur
Ausgrabungen
in Schleswig - Berichte und Studien 17, Holzfunde aus dem mittelalterlichen
Schleswig, von Volker Vogel, Wachholtz Verlag, Neumünster 2006, ISBN
3-529-01467-2
Die Ausgrabungen in Freiburg
Über Freiburg
Freiburg im Breisgau ist die viertgrößte Stadt
in Baden-Württemberg, und zählt heute rund 220.000 Einwohner. Eine erste
urkundliche Erwähnung der Stadt findet sich 1008 in einem Dokument von Kaiser Heinrich
II. Im Jahre 1120 bekam Freiburg das Markt- und Stadtrecht verliehen, um 1200
wurde mit dem Bau des bekannten Freiburger Münsters begonnen.
Die Grabungen
In der Latrine des Klosters der
Augustinereremiten wurden insgesamt 1940 hölzerne Kleinfunde zu Tage gefördert.
Die Datierungen reichen vom späten 13. bis ins 15./16. Jahrhundert. An Löffeln
wurden insgesamt 20 Stück gefunden. Beim verwendeten Holz dominieren Ahorn und
Eibe. Es wurden aber auch andere Hölzer wie Buchsbaum, Esche, Buche und Nadelhölzer
verwendet.
Quelle und weiterführende Literatur
Holzfunde aus Freiburg und Konstanz, Ulrich
Müller, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Konrad Theiss Verlag Stuttgart
1996, ISBN 3-8062-1266-X
Die Ausgrabungen in Konstanz
Über Konstanz
Konstanz zählt heute etwa 83.600 Einwohner, und
liegt in Baden-Württemberg direkt am Bodensee. Die Geschichte der Ortschaft
reicht bis in die Antike zurück. Die historische Altstadt aus dem 12. - 15.
Jahrhundert ist an vielen Stellen noch sehr gut erhalten, da die Stadt im
Zweiten Weltkrieg nicht bombardiert wurde. Zahlreiche Profanbauten, Kirchen und
Klöster warten darauf besucht und besichtigt zu werden.
Die Grabungen
Die Konstanzer Funde stammen zu 95% aus der
Grabung „Münzgasse/Fischmarkt“, und stammen aus der Zeit des späten 13. –
15./16. Jahrhundert. Die restlichen 5% des Fundmaterials stammen aus der
Grabung „Obere Augustinergasse“. Insgesamt beträgt die Anzahl der in Konstanz
ergrabenen Holzgegenstände stolze 4.275 Stück. An Löffeln wurden insgesamt 94
Stück gefunden, von denen bis auf vier Löffel, Spatel und Griffe die Holzart
bestimmt werden konnte. Beim verwendeten Holz dominieren auch hier Ahorn und
Eibe. Es fällt aber auf dass auch viele andere unterschiedliche Holzarten
verwendet wurden. Nämlich außerdem Esche, Buchsbaum und Buche. Für acht Spatel
und einen Löffel wurde Nadelholz von Fichte und Tanne verwendet. Ein Grundsatz
in Konstanz schein gewesen zu sein: Für hochqualitative Löffel Ahorn und Eibe,
für einfachere Löffel Fichte, Tanne, Buche.
Besonderheiten
Bei den verwendeten Werkzeugen zur
Löffelherstellung wird in der Publikation von Messern gesprochen, die im
archäologischen Fundbestand wiederholt als „Schnitzmesser“
genannt werden. Außerdem werden Spalter, Beil und Dechsel, sowie Höhlmesser für
die Laffe erwähnt. Bei den Funden aus Freiburg und Konstanz zeigen sich an der
Laffenunterseite einiger Löffel deutlich Schnitzspuren in Form von kleinen
Unebenheiten. Es wird außerdem erwähnt, daß qualitätvollere Löffel zusätzlich
poliert wurden. Bei fünf Objekten wurde die Laffe außerdem mit einem dunklen
Überzug versehen.
Quelle und weiterführende Literatur
Holzfunde aus Freiburg und
Konstanz, Ulrich Müller, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Konrad Theiss
Verlag Stuttgart 1996, ISBN 3-8062-1266-X
Die Ausgrabungen in Bad Windsheim
Über
Bad Windsheim
Bad
Windsheim ist eine Stadt in Mittelfranken mit heute etwa 11.800 Einwohnern, und
liegt ca. 50 km westlich von Nürnberg. Bereits im Jahr 741 gibt es einen
urkundlichen Hinweis auf eine Ansiedlung. 1234 wird Windsheim als Markt, und
1248 als Reichsstadt genannt.
Die
Grabungen
Im
Oktober 1983 stieß man bei Aushubarbeiten für den Neubau einer Bäckerei in der
Rothenburger Straße 18 auf eine riesige Abortgrube des ehemaligen Spitals,
welche 6 x 3 Meter groß, und 6 1/2 Meter tief war. Trotz schwieriger Umstände
konnte eine große Anzahl von Gegenständen aus den unterschiedlichsten
Materialien geborgen werden. Darunter auch etwa zehn überwiegend sehr gut
erhaltene Löffel aus der Zeit um 1500. Bei der Verwendung des Holzes zeigen die
Löffel und Löffelfragmente folgendes Bild: 7x wurde Ahorn verwendet, 1x Roterle
oder Ahorn, 1x wohl Nußbaum, 1x Eibe oder Wacholder, sowie 1x Esche oder Eiche.
Es dominiert also wie auch bei den Grabungen in den anderen Städten deutlich
Ahornholz.
Besonderheiten
Bei
den Windsheimer Holzlöffeln handelt es sich in allen zehn Fällen um Eßlöffel.
Diese sind allesamt sehr fein gearbeitet und geglättet worden. Auch auf die
Maserung des Blattes wurde offenbar Wert gelegt. Einige der Stiele weisen
Verzierungen auf. Einer dieser verzierten Löffelgriffe sticht dabei besonders
heraus. Interessant ist noch daß der Löffel das einzige Eßgerät im Spital
gewesen zu sein scheint. Messer undGabeln spielten keine Rolle. Ein Teil der Funde
(auch Löffel) sind im Spitalmuseum in Bad Windsheim ausgestellt.
Quelle
und weiterführende Literatur
Der
Windsheimer Spitalfund aus der Zeit um 1500, Ein Dokument reichsstädtischer
Kulturgeschichte des Reformationszeitalters, Walter Janssen, Verlag des Germanischen
Nationalmuseums 1995, ISBN 3-926982-38-1
Die Ausgrabungen in anderen Städten
Andere Städte - ein Vergleich
Wenn ich die Grabungsergebnisse in den verschiedenen Städten vergleiche komme ich zu dem Resultat dass Ahorn überall am häufigsten verwendet wurde. Gerade in der Publikation über die Holzfunde aus Freiburg und Konstanz wird aber deutlich dass sehr wohl auch andere als die „üblichen“ Holzarten zum Einsatz kamen. Hier eine kurze Zusammenfassung einiger Funde aus anderen Städten:
Nürnberg: geschnitzter Löffelgriff aus Nadelholz (wahrscheinlich Kiefer),
Mülenen (Schweiz): Löffel aus Ahorn und Buchsbaum,
Charavines (Frankreich): Löffel aus Ahorn und Buchsbaum,
Würzburg: Löffel aus Buche,
Frankfurt am Main: Löffel aus Buche,
Magdeburg: Löffel aus Buche,
Lund (Schweden): Ein Löffel aus Birke,
Novograd (Russland): bevorzugt Ahorn und Pfaffenhütchen,
Oslo (Norwegen): bevorzugt Ahorn, Eibe und Pfaffenhütchen,
Futterkamp in Schleswig-Holstein: Ein Löffel aus Hartriegel,
Cork (Irland): vorwiegend Eibe.
Höxter (Nordrhein-Westfalen): Löffel aus Wacholder,
Elisenhof bei Tönning (Schleswig-Holstein): Löffel aus Eiche,
Hull (England): Löffel aus Eiche.
Groß Raden (Mecklenburg-Vorpommern): überwiegend Holz von Obstbäumen
Szolnok (Ungarn): bevorzugt Buchsbaum.
Quelle
Aus dem Wirtshaus zum Wilden Mann - Funde aus dem
mittelalterlichen Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum 1984 und Holzfunde aus
Freiburg und Konstanz, Ulrich Müller, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg,
Konrad Theiss Verlag Stuttgart 1996, ISBN 3-8062-1266-X
Autor:
Andy
Betz
November
2010
Foto:
DeTimmermansche